Im ersten Teil meines Berichts habe ich darüber geschrieben, wie sich Ratenzahlungen und kleinere Konsumschulden über Monate hinweg unbemerkt aufsummieren können, solange das monatliche Einkommen stabil fließt. Bei mir ging dieses riskante Spiel auf Kante genau so lange gut, bis das Leben – wie es so oft der Fall ist – mit unvorhersehbaren Ereignissen dazwischengrätschte. Es war kein spektakulärer Schicksalsschlag, sondern eine banale Verkettung von zwei alltäglichen Dingen: Mein Auto kam nicht durch den TÜV, weshalb eine unerwartet teure Reparatur in der Werkstatt fällig wurde, und fast zeitgleich lag eine saftige Nachzahlung für die Heiz- und Nebenkosten meiner Wohnung im Briefkasten. Zusammen ergab das eine Summe von knapp 1.200 Euro, die ich sofort begleichen musste. Da ich durch meine monatlichen Ratenverpflichtungen keinerlei Ersparnisse oder Rücklagen bilden konnte, stand ich plötzlich vor einer Wand. Ich hatte dieses Geld schlichtweg nicht.
In meiner Hilflosigkeit wählte ich den Weg, den wohl die meisten in dieser Situation wählen: Ich griff auf den Dispokredit meines Girokontos zurück. Das Problem war kurzfristig gelöst, die Werkstatt und der Vermieter waren bezahlt. Doch damit fing das eigentliche Problem erst an. Als der nächste Erste des Monats kam und mein reguläres Gehalt auf dem Konto eintraf, glich dieses das Minus im Dispo zwar oberflächlich aus, aber das Konto war danach sofort wieder fast leer. Denn direkt im Anschluss buchten die verschiedenen Gläubiger plangemäß ihre gewohnten monatlichen Raten ab. Die Miete ging ab, der Strom wurde abgebucht, und die vier verschiedenen Finanzierungen forderten ihr Geld. Innerhalb von wenigen Tagen war ich wieder tief im Minus. Die Bank spielte dieses Spiel im zweiten Monat nicht mehr mit und fror den Verfügungsrahmen ein. Als dann die nächsten Abbuchungen anstanden, wurden diese mangels Deckung von der Bank zurückgewiesen.
Ab diesem Moment überschlugen sich die Ereignisse in einer Dynamik, auf die ich absolut nicht vorbereitet war. Aus den automatisierten Rücklastschriften wurden innerhalb weniger Wochen schriftliche Mahnungen. Zu den ursprünglichen Raten kamen plötzlich Rücklastschriftgebühren der Banken und Mahnspesen der Unternehmen hinzu. Da ich die gemahnten Beträge nicht sofort ausgleichen konnte, gaben die ersten Firmen die Forderungen an Inkassobüros ab. Plötzlich hatte ich es nicht mehr mit den bekannten Online-Shops zu tun, sondern mit spezialisierten Dienstleistern, deren Briefe in einem ganz anderen, deutlich ungemütlicheren Tonfall formuliert waren. Jedes dieser Schreiben erhöhte die Gesamtschuld durch horrende Inkassogebühren und Verzugszinsen weiter.
An diesem Punkt setzte bei mir eine gefährliche, aber im Nachhinein völlig verständliche psychologische Schutzreaktion ein: die absolute Verdrängung. Weil mich der bloße Anblick der Briefe in tiefe Unruhe versetzte, mein Herzrasen auslöste und mir im Alltag die Kehle zuschnürte, fing ich an, die Post schlichtweg zu ignorieren. Ich entwickelte eine regelrechte Angst vor dem Gang zum Briefkasten. Wenn ich den Hausflur betrat und sah, dass dort wieder weiße oder graue Umschläge lagen, nahm ich sie zwar mit hoch in die Wohnung, öffnete sie aber nicht mehr. Ich legte sie ungeöffnet in eine Schublade in meinem Schreibtisch. Ich redete mir ein: „Ich kümmere mich darum, wenn ich das Geld dafür habe“ oder „Dieses Wochenende setze ich mich in Ruhe hin.“ Aber dieses Wochenende kam nie. Aus den Augen, aus dem Sinn – das war meine Überlebensstrategie, die natürlich eine absolute Illusion war. In der Schublade wuchs der Stapel stetig weiter, während draußen die Fristen verfielen. Meine finanzielle Situation war nach kurzer Zeit vollkommen unübersichtlich geworden. Ich hatte komplett den Überblick darüber verloren, wie viele verschiedene Gläubiger überhaupt Forderungen gegen mich offen hatten, wie hoch die eigentlichen Restschulden waren und welche zusätzlichen Kosten inzwischen aufgelaufen waren. Wenn mich damals jemand gefragt hätte, wie viel Schulden ich insgesamt habe, hätte ich es nicht sagen können. Es war ein Zustand der totalen Lähmung. Das schlimmste Gefühl war gar nicht die Summe des Geldes, sondern das erdrückende Bewusstsein, dass ich die Kontrolle über mein eigenes Leben komplett verloren hatte und der Berg vor mir unbezwingbar schien.