Peter K.: Der schleichende Prozess über scheinbar kleine Monatsraten. (1)

Wenn man in den Medien Berichte über das Thema Verschuldung sieht oder liest, ertappt man sich oft bei dem Gedanken, dass so etwas nur Menschen passiert, die ihre Finanzen grundsätzlich nicht im Griff haben oder extrem unvernünftig leben. Man schaut distanziert darauf und denkt: „Mir könnte das niemals passieren, ich habe schließlich einen Überblick über mein Einkommen.“ Ich habe das selbst jahernlang exakt so gesehen. Ich hatte eine solide Ausbildung im IT-Bereich absolviert, habe danach zügig eine feste Anstellung gefunden und verdiente ein völlig normales, stabiles Gehalt. Ich stand mit beiden Beinen im Leben, war pünktlich bei meinen Zahlungen und hielt mich für absolut solide. Doch die Realität ist, dass eine finanzielle Schieflage in den seltensten Fällen mit einem großen, unvorhergesehenen Paukenschlag beginnt. Sie bricht nicht wie ein plötzliches Unwetter über einen herein, sondern sie schleicht sich auf sehr leisen Sohlen an. Es ist ein schleichender Prozess, der sich oft über Monate oder sogar Jahre zieht, ohne dass man im Alltag überhaupt merkt, dass man sich Schritt für Schritt auf dünnes Eis begibt.

Bei mir persönlich fing das Ganze mit einem absoluten Klassiker an, den vermutlich fast jeder junge Erwachsene kennt: dem Auszug aus dem Elternhaus und dem Bezug der ersten komplett eigenen Wohnung. Wenn man das erste Mal vor leeren Räumen steht, ist die Vorfreude riesig, aber das Bankkonto ist meistens noch recht überschaubar. Man braucht plötzlich eine komplette Küchenausstattung, eine Waschmaschine, einen Kühlschrank und natürlich möchte man sich auch das Wohnzimmer gemütlich einrichten. Da man gerade erst ins Berufsleben gestartet ist, reichen die mühsam angesparten Rücklagen oft hinten und vorne nicht aus, um alles auf einmal bar zu bezahlen. Genau an diesem Punkt kommt der moderne Online-Handel ins Spiel, der es einem heutzutage gefährlich leicht macht. Überall springt einem beim Bezahlvorgang die Option ins Auge: „Finanzieren Sie Ihren Einkauf in bequemen monatlichen Raten von nur 25 Euro.“ Auf den ersten Blick klingt das nach einem absolut fairen Deal und einer winzigen Summe. 25 Euro im Monat – das entspricht ein- oder zweimal auswärts Essen gehen oder ein paar Kaffee im Monat. Die Hürde, auf den Button zu klicken, ist minimal. Man redet sich ein, dass man das bei dem regelmäßigen Gehalt überhaupt nicht spüren wird. Und im ersten Monat stimmt das auch. Die Waschmaschine steht in der Wohnung, die erste Rate wird abgebucht, und das Leben geht ganz normal weiter.

Das eigentliche Problem an diesen flexiblen Zahlungsmodellen, zu denen ja auch die modernen „Jetzt kaufen, später bezahlen“-Dienste (Buy Now, Pay Later) gehören, ist jedoch psychologischer Natur. Sie verzerren unsere Wahrnehmung von Geld und Verpflichtungen massiv. Wenn man ein Gerät für 1.500 Euro per Ratenkauf erwirbt, sieht man auf dem Papier oder im Online-Banking eben nicht mehr diesen großen, sperrigen Gesamtbetrag, der vom Vermögen abgezogen wird. Man sieht stattdessen nur noch diese kleine, handliche monatliche Belastung. Das Gehirn verbucht den Kauf als „erledigt und bezahlbar“. Da diese erste Erfahrung so reibungslos funktioniert hat, sinkt die Hemmschwelle für das nächste Mal drastisch. Ein paar Monate später gibt das Smartphone den Geist auf oder es kommt ein neues Modell heraus, das man gerne hätte. Das alte Gerät funktioniert zwar noch halbwegs, aber die Versuchung ist groß. Also wählt man wieder die bequeme Monatsrate – diesmal vielleicht 30 Euro. Ein halbes Jahr später verabschiedet sich der Arbeits-Laptop oder man sieht ein unschlagbares Angebot für ein neues Sofa im Möbelhaus. Man rechnet kurz im Kopf überschlägig nach: „Die 40 Euro für das Sofa habe ich auch noch übrig.“

Was in dieser Phase völlig untergeht, ist die Aufsummierung dieser vermeintlichen Kleinstbeträge. Man führt Buch über die großen Dinge, aber diese kleinen Verträge laufen im Hintergrund über Lastschriften einfach mit. Aus einer einzelnen Rate von 25 Euro werden unbemerkt vier oder fünf parallele Verpflichtungen. Wenn man dann am Monatsanfang auf sein Konto schaut, stellt man fest, dass direkt nach dem Gehaltseingang nicht mehr nur die Miete und die Versicherungen abgehen, sondern ein ganzer Rattenschwanz an Abbuchungen von verschiedenen Versandhäusern, Zahlungsdienstleistern und Banken folgt. Plötzlich summiert sich das Ganze auf 150 oder 200 Euro im Monat. Das ist Geld, das im täglichen Leben für Lebensmittel, Freizeit oder eben zum Sparen fehlt. Aber solange das Girokonto am Ersten des Monats durch das Gehalt noch kurzzeitig ins Plus rutscht und man die täglichen Ausgaben irgendwie bestreiten kann, wiegt man sich in einer falschen Sicherheit. Man gewöhnt sich an den Zustand, finanziell permanent auf Kante zu nähen. Man redet sich ein, dass das eben dazugehört, wenn man sich etwas aufbaut, und dass man die Raten ja bald abgezahlt hat. Man schiebt das ungute Gefühl beiseite und ignoriert, dass man keinerlei finanziellen Puffer mehr besitzt. Man funktioniert einfach von Monat zu Monat, ohne zu merken, dass das gesamte System extrem anfällig geworden ist. Es braucht ab diesem Zeitpunkt nur noch einen einzigen, kleinen unvorhergesehene Vorfall, um das mühsam ausbalancierte Gleichgewicht komplett zum Einsturz zu bringen. Man hat die Kontrolle im Grunde schon verloren, bevor überhaupt die erste echte Mahnung im Briefkasten liegt.